STRATEGIC IMPERFECTION

Wer Mode Magazine durchblättert wie Andere das Herbstlaub, der hat schon von dem neuesten Trend gehört: Shibusa. Oder auch Shibui genannt, ich musste das Wort erst mal googlen, aber was da steht klingt erst einmal fasziniert, weil es einen wohltuenden Gegeneffekt zur immer perfektionistischeren Welt offenbart. (Für alle die gerade keinen Internet Zugang haben oder zu faul sind bein Wikipedia nachzublättern: Die Lehre von Shibui basiert auf den sieben Grundbegriffen: Einfachheit, Notwendigkeit, Bescheidenheit, Ruhe, Natürlichkeit, Alltäglichkeit, Unperfektheit.) 

Die ersten Begrifflichkeiten sind für einen naturverbundenen Sportler und Sportgeräteentwickler keine Neuerung, bestätigen höchstens das wir jetzt langsam vom gutbürgerlichen Nachhaltigkeits Hype in die richtige Richtung steuern, aber das ist ein anderes (langes) Thema.  Viel mehr verstören mich - als zu Ehrgeiz und Perfektion strebendem Designer - die letzten beiden Wörter: Alltäglichkeit und Imperfektion, oje. Alarm, Mittelmäßigkeit ich hör Dir trappsen. Oder doch nicht?

Und wie es der Zufall so will, stolpere ich diese Woche im FastCo Online Magazin über ein Wort das mich elektrisiert hat. Strategic Imperfection! Die gewollte Imperfektion, der neue Trend in der Markenentwicklung? Das ist es, dachte ich mir, das haben wir ja immer schon gesagt! "Nur wer perfekte Produkte kann - der kann auch imperfekt zulassen. Eine coole These!" schoss es mir durch den Kopf.  "Leicht bis schwer überheblich" der trockene Kommentar eines Berufskollegen bei der Creative Kitchen Unconference. Aber wir kamen darin überein, irgendwas ist da schon dran. Nur wie soll Strategic Imperfection jetzt im Design umgesetzt werden? Hier ein Deutungsversuch:

Zu viel Perfektion macht unsympatisch!
Ein Tip den einem jeder persönliche Stilberater mit auf den Weg gibt. Aber warum imperfekt sein, wenn man doch sich durch den Hang zur Perfektion aus der Mittelmäßigkeit abheben möchte? Strategische Imperfektion hört sich in der Tat schon besser an. Das würde bedeuten, man kann perfekt, macht es aber nicht! Oder besser gesagt, als Designer addiert man zu einem perfekten Entwurf ein zusätzliches Element. Oder man beendet den Entwurfsprozess an einer Stelle, wo der Entwurf einfach mal gut aussieht, ohne weitere Nacharbeit. Traumhaft, am besten gleich nach der ersten Skizze. Das geht, das wissen wir. Der Puky Babyracer ist ein Beispiel dafür, gleich die erste Skizze saß, der Rest war reine Formsache. Nur wie ist jetzt diese Imperfektion im industriellen Entwurfsprozess einzubringen? Oftmals geben einem die technischen Randbedingungen Anlass zum Abweichen von der vermeintlich perfekten Form. Als Beispiel soll hier einmal das legendäre wandhängende Gerät von Vaillant angeführt sein. Der On/Off Schalter war traditionell außerhalb des eigentlichen Interface angebracht, und auch verstärkte designerische Überzeugungsarbeit verbrachte nicht das Wunder diesen Anschluss auf der Platine um mur einen Zentimeter zu versetzen. Der Plan B war recht simpel, der Schalter wurde zusammen mit dem sporadisch auftretenden Manometer in einer kleinen Extrakontur untergebracht. Ein glücklicher Wink des Zufalls und viel Entwurfsarbeit brachte die Linienführung in eine zwar asymmetrische, aber durchaus ausbalancierte Erscheinungsform. Das machte die Erscheinung des Wandgerätes auf der zweiten Designebene angenehmer, nahbarer, sympathischer. Irgendwie so wie in den Markenkernwerten gefordert . Wir wollten das Element deshalb auch weiter ausbauen, liebevoll bekam diese leichte Asymmetrie in der Erscheinung von uns den Namen "der Cindy Crawford Faktor".  Mit Wechsel des Elektronik Konzeptes wurde diese Eigenart leider überflüssig und nachfolgende Designergenerationen strichen das asymmetrische Erscheinen ebenso wie den charakteristischen Smiley aus Ihrer Wunschliste. Was lernen wir daraus: Sympathie als Markenwert hat eine geringe Halbwertzeit, und darüber hinaus: Mittelmäßige Designer bevorzugen dann doch eher den Save Way der Symmetrie, alles andere wäre ein Eingeständnis der eigenen Unperfektion.

Der Cindy Crawford Effekt
Das ist aber auch verständlich, wer nicht gerade als erfahrener Kreativ Direktor designerische  Entscheidungen zu treffen hat, tendiert immer her zu der perfekt makellosen Lösung, alles andere wäre zu nahe an der nicht einzugestehenden Unperfektion, der man gerade erst entwachsen will, verständlich. Aber leider ist der gesamte Standard aller Designschaffenden inzwischen gestiegen. Halbwegs korrekte Ergebnisse bekommt inzwischen jeder hin. Makellos und perfekt wird langweilig in den Augen des Betrachters. Jahrelange designpreisprämierte Museumsprodukte hinterlassen Ihre Schleifspuren. Die echten Produkte und lebendigen Marken leben von den kleinen Abweichungen, den Überbleibseln Ihrer technischen Vergangenheit. Ja, sie ziehen ihre Wiedererkennbarkeit aus eben diesen Unverrückbaren Kleinigkeiten. Und ein guter Designer tut gut daran dies zu respektieren - und in gewisser Weise auch einmal den Mut zu beweisen daraus ein zukunftsweisendes Konzept zu stricken. Der Weg dahin führt allerdings ohne Frage über das Streben nach dem perfekten Produkt. Nur wer das beherrscht, der besitzt auch die Kapazität und das Selbstbewusstsein sich auch mit einem leichten Makel von allen anderen nochmals abzuheben. Ganz so wie die liebe Cindy, die ist ja auch nicht zum Schönheitschirurgen gegangen (zumindest nicht an der Stelle).

Das lassen wir mal so stehen..
Der Kölner sagt gerne: "man muss auch mal gönne könne". Der Präsens Imperfekt ist nicht einfach in den Entwurfsprozess einzubringen. EinDesigner tut gut daran, solche überflüssigen Zierrat nicht wahllos und mutwillig zu einem Produkt zu addieren. Ein zusätzliches Element, das keine gestalterische Bereicherung ist, und dann auch noch nicht einmal technischen Hintergrund hat, so etwas hat sehr kurze Beine. Das merkt der Kunde schnell. Besser ist die Strategie nach den unveränderlichen Dingen zu suchen, sie frei zu legen. Und sei es nur durch ein noch enger gezogenes Gehäuse oder weglassen von überflüssigen Verkleidungen. Frei nach dem Motto: Irgendwann steht dann schon ein charakteristisches Bauteil raus.. Dabei wird klar, Imperfektion ist kein Skinjob. Wer die technische Struktur eines Produktes, oder die firmeninternen Gegebenheiten einer Marke offenlegt, der ist schon wesentlich näher am Job. Und hier kommt es dann drauf an, an welcher Stelle man als Gestalter dann einfach mal etwas stehen lässt. Sich damit arrangiert, den Charakter dadurch herausholt anstatt zu RedDot Mainstream zu planieren. Das Gemälde nicht voll kritzelt mit seiner eigenen Perfektion, es nicht tot malt. Musik und Kunsthistoriker schwärmen nur so von der Perfektion der Unvollendeten. Nur wie bekommt ein Designer das freiwillig hin ohne vorher zu sterben?

Der Bierdeckel Entwurf
Variante zwei der Imperfektion liegt deshalb in der Entwurfsmethodik des Industrie Design begraben. Jeder von uns kennt das aus den zahllosen Automobil Renderings, dynamische Linien, Volumen, ein Traum. Weil imperfekt, einfach mal hingeworfen. Die Skizze kann aus zwei Gründen gut gelingen, entweder weil ein Unbedarfter sie skizziert (die Vorgehensweise bevorzugt anscheinend die  Autoindustrie), oder sie kommt aus der Feder eines Könners (ich erinnere mich noch immer gerne an die Skizzen von Mendini für FSB). So Meisterwerke erscheinen dann vorzugsweise auf dem Format eines Bierdeckels - was alles darüber aussagt, in welchem Mood man für so Skizzen sein muss.
Egal wie die Idee entstanden ist, in der ersten Idee steckt immer ein wenig die Magie des Imperfekten. Wohl dem, der sich an seine erste intuitive Skizze erinnert, sie in Ehren hält und diesen Geist der in ihr stecken kann auch umzusetzen weiß. In dem nachfolgenden Entwicklungsprozess bis hin zu einem erfolgreichen Produkt im Ladenregal treffen sich dann das Streben nach Perfektion und die Toleranz der Imperfektion zu wahrer Könnerschaft. Das könnte Strategic Imperfection bedeuten.
 
Fazit: Nur Mut
Strategische Imperfektion ist die hohe Schule des Entwurfs, es verlangt vom Designer die Kompetenz mit den Gegebenheiten zu tanzen und nicht nach Plan durch die Entwurfsschritte zu marschieren. Die Zielvorstellung des Shibui bettet das dann in eine wundervolle ganzheitliche Design Leitlinie: Elegant simplicity. Effortless effectiveness. Understated excellence. Beautiful imperfection.
Da ist nichts hinzuzufügen außer der persönlichen Erkenntnis, daß man als ein zu industrieller Perfektion neigender Designer eine vollkommen diametrale Geisteshaltung lernen und als natürlichen Wesenszug annehmen muss - der Österreicher nennt es mit schönem Zungenschlag - Lässigkeit. Aber auch die will erarbeitet sein. Ich hoffe das klingt jetzt nicht überheblich.
 
Quellen:
http://www.fastcodesign.com/1671085/3-big-insights-from-todays-top-desig...
http://en.wikipedia.org/wiki/Shibui

Posted by matthias ocklenburg on 18.11.2012 - 03:26
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